Notizen 166

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Maria auf der Couch

Weihnachten steht vor der Tür. Jeder weiß über Jesus Bescheid, aber wie war das mit Maria? Hier ein Ausschnitt aus einer Psychoanalyse der Gottesmutter durch Professor Sigmund Freud, publiziert anlässlich des 60. Geburtstags von Peter Moosleitner, dem Begründer und langjährigen Herausgeber des nach ihm benannten P.M.-Magazins. Mit Peter Ripota als Sigmund Freud, Manon Baukhage als Jungfrau Maria, und Florian Wöst als Geiger.

Freud ruft "Frau Zimmermann, bitte", Maria-Muttergottes schwebt die Wendeltreppe herab, zur Melodie von "Ave Maria", in der Hand ein Bild vom Sohn als Prediger. Sie legt sich nach Aufforderung "Bitte legen Sie ab" auf die Couch.
Freud: Guten Tag, gnädige Frau, womit kann ich Ihnen helfen?
Maria: Ja, wissen Sie, es geht um meinen Sohn.
Freud: Ist es der da? (zeigt auf das Bild) Der sieht ja aus wie ein Wanderprediger.
Maria: Er hält sich für was Besseres. Wissen Sie, er hat so komische Vorstellungen. Schon als Kind hat er geglaubt, er wäre so was wie ein Messias, ein Retter der Menschen.
Freud: Wie hat sich das geäußert?
Maria: Stellen Sie sich vor, vor kurzem ging er in den Tempel und hat dort alles kaputtgeschlagen. Ich hatte nachher die größte Mühe mit meiner Privat- Haftpflichtversicherung.
Freud: Verstehe. Wie hat sich dieser Messias-Komplex sonst noch bemerkbar gemacht?
Maria: Er verleugnete mich sogar! Unvorstellbar! Ich werde es Ihnen erzählen. Vor kurzem hat er wieder mal zu den Leuten gepredigt und ihnen so kindische Geschichten erzählt, von Ölbäumen, die verdorren, und Schweinen, die verhungern ... Wissen Sie, ich verstehe das alles nicht so recht ... Jedenfalls bin ich dann zu ihm gegangen und hab' ihm seinen Pullover gegeben, es wird ja kalt am Abend. Junge, hab ich gesagt, zieh dir abends was Warmes an, du hast sowieso eine schwache Blase ... Und wissen Sie, was der Bengel zu mir sagt? Vor allen Leuten sagt er: Was hab' ich mit dir zu schaffen, Weib!
Freud: Sowas ist in der Pubertät ganz normal.
Maria: Aber der Junge ist 33!
Freud: Hm, da müssen wir jetzt zurückgehen in der Geschichte. Erzählen Sie von Ihrer Schwangerschaft ... War da irgendwas Besonderes?
Maria: Es begann irgendwie alles mit einem Traum in meiner Schwangerschaft. Von Angesicht zu Angesicht habe ich im Traum dem Engel gegenübergestanden, der mir die Geburt eines ganz besonderen Kindes ankündigte.
Freud: Gnädige Frau, ich will Sie nicht verletzen, aber das ist doch nichts Besonderes. Davon träumt jede jüdische Mutter. Träume sind doch, richtig gedeutet, nichts anderes als Wunscherfüllungen. Sie waren als junge Frau einfach beseelt von dem brennenden Wunsch, die Mutter des Messias zu werden.
Maria: Ich habe den Verdacht, Sie nehmen mich nicht ernst. Aber ich will mich ja nicht mit Ihnen streiten. Sie müssen mir einfach glauben: Mein Sohn ist nun mal etwas ganz Besonderes.
Freud: Da haben wir es: Nichts weiter als eine klassische Projektion Ihrer Phantasien auf Ihren Sohn.
Maria: Meiner Phantasien? Da haben Sie sich aber getäuscht. Ich habe mir etwas ganz anderes gewünscht. Ich wollte, dass mein Bub ein ordentlicher, solider Rabbi wird, nicht so'n Handwerker wie sein Vater. Und dafür habe ich so viel getan. Stattdessen entwickelt er sich immer mehr zu einem - zu einem Menschfischer! Die Leute rennen hinter ihm her, er heilt sie - mit Sand und Spucke! - ein richtiges Hippie-Leben führen die.
Zu Hause sieht man ihn sowieso höchst selten; nur zum Waschen bringt er seine Sachen zu mir. Dafür bin ich ihm gut genug. Und ständig redet er von seinem Über-Vater, nicht seinem eigenen. Er bildet sich ein, von Gott höchstpersönlich abzustammen.
Freud: Im Grunde ein klassischer Fall von Ödipus- Komplex mit um-polarisierter Trieblenkung, d.h., ich zitiere mich selbst, mit der berühmten Ambivalenz, die das Vater-Verhältnis beherrscht: Umlenkung der Aggression gegen den Vater auf sich selbst.
Maria: Wollen Sie mir etwa sagen, dass mein Sohn Selbstmord begehen wird, weil er ein potentieller Vatermörder ist?
Freud: Sie müssen das so verstehen: Am Beginn der Menschheitsgeschichte stand schon der Vater-Sohn-Konflikt: Die Ur-Söhne haben den Ur-Vater umgebracht. Diese Ur-Tragödie wurde verdrängt, aber kehrte wieder in einem Schuldbewusstsein der Menschen. Und schließlich entwickelte Ihr Sohn die Zwangsidee, dass er durch seinen Tod alle Menschen von dieser Schuld erlösen könnte.
Maria: Gott bewahre ihn davor! Mein Sohn von einer Zwangsidee besessen? Also, das geht zu weit. Verehrter Herr Professor, ich dachte, Sie würden mir helfen. Und was machen Sie? Sie vergrößern meine Schuldgefühle. Ich bin doch gekommen, um sie loszuwerden, und weil ich mich besser fühlen wollte.
Freud: Es ist nicht meine Aufgabe als Vater der Psychoanalyse, dass Sie sich danach besser fühlen. Sie sollen meine Thesen anerkennen, sonst nichts.
Maria: Wozu haben Sie mich dann empfangen?
Freud: Sie sind ein interessanter Fall für mein Buch. Ich werde Sie als "Maria O." bezeichnen.
Maria: Das klingt nach Popmusik.
Freud: Also gut, dann nenn ich Sie einfach "Anna O." Der Vorname ist unwichtig. Sie werden für mich das erste Beispiel einer geheilten Hysterikerin werden.
Maria: Ich bin doch nicht wegen mir bei Ihnen, sondern wegen meines Sohns. Was soll ich denn mit ihm machen?
Freud: Lassen Sie ihn weiterpredigen. Bestenfalls wird er zu einem der vielen jüdischen Propheten. Schlimmstenfalls kriegen ihn die Römer. So oder so wird er eine Fußnote im Buch der Geschichte bleiben.
Maria: Wenn Sie meinen ...
(Maria legt den Mantel um, ab zur Melodie von "Ave Maria"). Freud zu sich selbst:
Eines möchte ich ja wirklich wissen: Was will das Weib?

 


  


  

 


  


   

 

 

 

 

-Peter Ripota-

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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