Notizen 161

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Die Macht der Interpretation

Im letzten Rundbrief ("Die Macht der Unterstellung") habe ich gezeigt, wie schnell wir etwas falsch deuten. Heute mehr davon.

Beginnen wir wieder mit meinem Lieblingsautor, dem Schöpfer des geistlichen Detektivs Pater Brown: Gilbert Keith Chesterton (1874 - 1936). In der Erzählung "Das Orakel des Hundes" (aus dem Sammelband "The Incredulity of Father Brown", 1926) löst er einen Mordfall, indem er sich in die Seele eines Hundes hinein versetzt und dessen Handlungen von seinem Standpunkt aus interpretiert. Das scheint schwieriger zu sein, als einen Menschen zu begreifen. Denn, wie Pater Brown seinem unbedarften Besucher mahnend ins Gewissen redet: "Manchmal sind Sie zu scharfsinnig, um Tiere zu verstehen." Und zu voreingenommen, um Handlungen anderer richtig zu deuten.
Eine Gruppe von Männern geht an einem Seeufer spazieren, ein Hund begleitet sie. Die Männer werfen abwechselnd Holzstöckchen ins Wasser, der Hund springt eifrig hinterher, holt die Stückchen raus und legt sie dem jeweiligen Werfer stolz zu Füßen. Doch dann geschieht etwas Seltsames: Der Hund kommt ohne Stöckchen zurück, setzt sich hin und beginnt fürchterlich zu heulen. Etwa zu dieser Zeit - so stellt sich später heraus - wurde sein Herr in einem nahe gelegenen Haus mit einem Messer ermordet.
Was folgert der unbedarfte Leser daraus? Der Hund war telepathisch mit seinem Herrn verbunden, und als dieser eines gewaltsamen Todes starb, bekam der Hund das mit, deswegen sein verzweifeltes Heulen. Unsinn, sagt Pater Brown, so denkt ein romantisch veranlagter Mensch, aber kein Hund. Für den Hund existiert mit seiner beschränkten Aufmerksamkeit nur eines: die Gegenwart. Und die bestand in diesem Fall darin, dass der Hund Holzstöckchen im See suchte, fand und dem Werfer präsentierte. Für uns Menschen erscheint das als Spiel, für den Hund war es in diesem Augenblick sein ganzes Leben, ein Ritual, das ihn voll erfüllte. Wenn der arme Hund also fürchterlich zu heulen begann, dann nicht wegen irgendwelcher angedichteter telepathischer Fähigkeiten, sondern weil das lebensfüllende Ritual unterbrochen wurde. Er kam ja ohne Stöckchen - aber warum? Weil das "Stöckchen" untergegangen war, weil es kein Stöckchen gewesen ist, sondern etwas, das im Wasser nicht schwimmt. Zum Beispiel ein Gebilde aus Metall - ein Messer.
Und so kommt Pater Brown zur Lösung: Der Mörder hatte das Opfer erstochen und sich gleich darauf unauffällig der Männergruppe angeschlossen. Mit der Denkweise des Hundes war er auch sofort und eindeutig identifizierbar: Es war der Mann, nach dessen Wurf der arme Hund so heulte.
Ein anderes Feld, wo Interpretation als Fakt verkauft wird, ist die moderne Wissenschaft, speziell die Astronomie. Denn das einzige, was wir von fernen Sternen kennen, sind Spektrallinien, die wir mit denen auf der Erde vergleichen. Zudem haben Astronomen festgestellt, dass die Spektrallinien ferner Galaxien nicht genau mit denen irdischer Elemente übereinstimmen: Sie sind gegen das rote Ende hin verschoben. Diese "Rotverschiebung" ist sicher; ihre Deutung keineswegs. Dass die Galaxien alle auf der Flucht vor der Erde sind ("Galaxienflucht"), ist eine mögliche Deutung. Über sie kommt man zum "Urknall", zu dunkler Materie, dunkler Energie, Axonen und WIMPs. (Sie müssen nicht wissen, was das alles bedeutet. Es bedeutet nämlich nichts. Jedenfalls nichts Vernünftiges. Doch das sind Gedankengebäude, die auf dünnen Linien errichtet werden. Genausogut kann man die Sache anders deuten, dann kommt man zu völlig anderen Vorstellungen vom Kosmos. Darüber ein ander Mal mehr.
Noch eine dritte Quelle missverständlicher Deutungen: die Bibel. Es wurde als großer Fortschritt der Theologie gepriesen, als Luther die Deutung der (von ihm ins Deutsche übertragenen) Bibeltexte freigab. Aber was brachte das, außer der Entstehung zahlreicher neuer christlicher Glaubensgemeinschaften, die jeweils eine andere Interpretation bestimmter Bibelstellen vertraten? Luthers Programm scheint vernünftig: Die Bibel ist in einer Sprache abgefasst, die jeder versteht, besser gesagt: zu verstehen glaubt. Oder wissen Sie, was das heißt, wenn Adam wieder mal seine Frau Eva erkannte? Leidet der Alte unter Gedächtnisverlust und weiß nicht, welche seiner zahlreichen Frauen nun Eva ist? Gab es damals die Vielehe oder überhaupt andere Frauen? Hat er sie mit einer Schimpansendame verwechselt? Ebenso Marias Ehemann Joseph. Bei Matthäus 1.25 heißt es: "Und er erkannte sie nicht, bis sie ihren ersten Sohn gebar; und hieß seinen Namen Jesus." War Joseph vernebelt, litt er unter schwerem Gedächtnisverlust?
Die Aufklärung finden wir beispielsweise bei Moses 4.1.: "Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain." Aha! "Erkennen" bedeutet in der Bibel, neudeutsch ausgedrückt, "miteinander schlafen". Adam genügte also wieder mal seinen ehelichen Pflichten, Joseph durfte das nicht. Über den Zusammenhang zwischen "erkennen" und "etwas zeugen" könnte man lange philosophieren. Doch das sei dem Leser überlassen ...

-Peter Ripota-

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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