Notizen 160

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Die Macht der Unterstellung

Wir sind sehr schnell im Deuten von Handlungen anderer Menschen. Aber liegen wir da immer richtig?

In der Pater-Brown-Erzählung "The Pursuit of Mr. Blue" ("Die Verfolgung des Herrn Blau") des englischen Schriftseller Gilbert Keith Chesterton sieht ein Mann, eingesperrt in einen Leuchtturm (nennen wir ihn A"), wie ein anderer Mann (nennen wir ihn "B") vor einem dritten Mann (also "C") davon läuft. Offensichtlich verfolgt C den B. Die beiden liefern sich ein groteskes Fangenspielen um das runde Haus, bis der Verfolger den Verfolgten offenbar erwischt und ermordet. Doch so war es nicht. Pater Brown stellt fest: Nur weil "A" zuerst "B" und danach "C" gesehen hat, schlussfolgert er grundlos: Der zuerst gesehene ("B") war der Verfolgte, der darauf Folgende ("C") der Verfolger. Doch das Ganze spielte sich ab wie in einem Karrussel, und in Wirklichkeit verfolgte "B" den "C". Also: Vorsicht mit Interpretationen!
Der Mensch kann Absichten und Gefühlsregungen seines Gegenübers sehr gut deuten, was ihm in der Frühzeit der Menschheit und auch heute noch in lebensbedrohlichen Situationen Überlebensvorteile bringt, eine Kunst, die auch seine nächsten Verwandten im Affenreich beherrschen. Doch manchmal liegen wir mit der Deutung von Worten, Gesten, Gefühlen und Handlungen völlig daneben. Beispiel:
Vor einigen Jahren schockierte eine Meldung die Leser diverser Tagezeitungen. Rettungssanitäter hatten in einer Wohnung eine alte Frau gefunden, die hilflos vor sich hindämmerte und auch noch ans Bett gefesselt war. Die Familie schien sich nicht um ihre Angehörige gekümmert, sondern sie, im Gegenteil, auch noch fixiert zu haben.
Die Empörung der Medien (und natürlich der Leser) war groß, die Familie fortan verfemt. Später stellte sich heraus, was wirklich los war: Die Gefesselte war dement und nutzte jede Gelegenheit davonzulaufen. Schon mehrmals war sie verschwunden gewesen und nur durch Zufall wieder gefunden worden. Um ihr einen üblen Tod in Einsamkeit und Kälte zu ersparen, wurde sie gelegentlich ans Bett gefesselt, jedenfalls dann, wenn die Möglichkeit zur Flucht (zum Beispiel durch offene Türen) gegeben war.
Ein anderer Fall ging bei einem Wahlkampf mit einem heute vergessenen Politiker durch die Presse. Peer Steinbrück war wieder mal ins Fettnäpfen getreten und hatte behauptet, die Bundeskanzlerin verdiene zu wenig, woraus die Leserschaft schloss, er wolle als eventueller Bundeskanzler mehr verdienen. Diese Idee passte auch gut zu dem Bild, das sich die Allgemeinheit damals von ihm machte: geldgierig und alles andere als sozial. In Wirklichkeit war die Sache ein wenig anders gelaufen: Ein Reporter hatte Steinbrück gefragt, ob er das Gehalt der Bundeskanzlerin für angemessen halte, und Steinbrück hatte auf die Frage korrekt geantwortet. Er hätte ja auch sagen können: Lassen Sie mich mit diesen idiotischen Fragen in Ruhe. Tat er aber nicht, dazu war er zu höflich.
Einen besonders krassen Fall zeigte die BBC als Musterbeispiel der Unzuverlässigkeit medialer Ereignisse. In einem konfliktgeladenen arabischen Land (welches, tut nichts zur Sache) läuft eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern (nennen wir sie "A") von links nach rechts über das Bild. Eine zweite Gruppe von Männern, Frauen und Kindern (nennen wir sie "B") läuft ebenfalls von links nach rechts in größerem Abstand über das Bild. Die BBC zeigte nun, wie dieses Kurzvideo von verschiedenen Sendern völlig unterschiedlich gedeutet wurde. In einer Deutung verfolgten die B-Leute die A-Leute, um sie zu massakrieren. In einer zweiten Interpretation verfolgten die B-Leute die A-Leute, um ihnen zu helfen. In einer dritten Deutung laufen beide von einem gemeinsamen Feind davon. In einer vierten ... es reicht.
Doch wir müssen nicht auf Medien und Kriege zurückgreifen. Solche Dinge erleben wir vermutlich jeden Tag selber. Zwei solche persönlichen Erlebnisse aus der Tango-Szene:
Ein Tangopaar, sie Lehrerin, er Musiker, hatte sich getrennt und wieder zusammengefunden. Bei einem Live-Konzert mit einem fantastischen Orchester (zu dessen Musik man wunderbar tanzen konnte) saßen sie nur schweigsam am Tisch und starrten aneinander vorbei. "Mit denen ist wohl wieder nichts" sagte ich zu meiner Frau, aber das glaubte sie nicht. So setzte sie sich zu ihnen und erfuhr die ganze Wahrheit: Er wollte erst gar nicht mitgehen, aber nicht, weil er Beziehungsprobleme hatte, sondern wegen seines absoluten Gehörs! Jede Verstimmung eines Instruments (die unvermeidlich bei jedem Instrument irgendwann mal eintritt) bereitete ihm körperliche Qualen. So saß er bei der Live-Musik da und zwang sich mit großer Willenskraft, nicht aus der Haut zu fahren.
Ein uralter Bekannter, mit dem ich schon Folklore getanzt hatte, kam auch zum Tango, freute sich, mich dort auch zu sehen, machte "Karriere" (tanzte also auch mit Tanzlehrerinnen) und distanzierte sich scheinbar zunehmend von mir, ein Prozess, den ich schon oft erlebt hatte. Er grüßte mich nicht mehr, redete nicht mehr mir, auch wenn ich ihn ansprach, und zuletzt lehnte er sogar eine Freundschaftsanfrage auf Facebook ab.
Eines Abends kam er mit einer gemeinsamen Bekannten, und als wir uns zufällig in der Garderobe trafen, sagte die gemeinsame Bekannte: "Kennt ihr euch?" "Ja" sagte ich, "nein" sagte er. Und da stellte sich heraus, dass besagter Bekannter vor einem halben Jahr einen Schlaganfall erlitten und dabei sein Gedächtnis verloren hatte. Er kannte mich wirklich nicht (mehr) - und aus berechtigtem Misstrauen knüpfte er keinerlei Kontakte mit Menschen, die behaupteten, ihn zu kennen.
Was können wir tun, um Fehlinterpretationen zu vermeiden? Vielleicht uns erst mal zurückhalten beim Deuten von Blicken, Körperhaltungen, Nicht-Taten. Wir leben nicht mehr in der Steinzeit, es ist nicht jederzeit nötig, einen Menschen nach "Freund" oder "Feind" einzuschätzen. Wir müssen ja nicht gleich wie Autisten werden, denen jegliches Gefühl für die Gefühle des Gegenübers abgeht, die aber deswegen auch niemanden be- oder verurteilen.
In der Therapieform "Neurolinguistisches Programmieren" (NLP) gibt es dazu eine nützliche Übung: Man sitzt einander gegenüber, und einer beschreibt jeweils den anderen, wie er/sie ihn/sie sieht. Es ist fast unmöglich, das Gesicht eines Menschen zu sehen, ohne irgendwelche Züge gleich zu deuten. "Deine Augen sind wunderschön" ist keine Beschreibung, sondern ein Kompliment! Oder die Wahrheit.
Dieser Beitrag erschien, wesentlich kürzer, auf Seniorbook.

-Peter Ripota-

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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