Notizen 144

Wenn der Rundbrief nicht richtig angezeigt wird, klicken Sie bitte hier.

Warum Deutschland nicht immer gegen Italien verliert

Vor genau vier Jahren schrieb ich für "Seniorbook" einen Beitrag mit obigem Titel, aber ohne "nicht". Denn dass Deutschland gegen Italien bei großen Fußballturnieren verliert, schien eine Art Fluch zu sein - zumal die deutsche Mannschaft offenbar besser ist als die der Italiener. Auch in der Politik war es ähnlich. Woran lag das? Und hat Deutschland den "Fluch" jetzt endgültig überwunden?

Der Fluch ist gebrochen.

              

 

 

Fußball interessiert mich nicht, im Gegensatz zu meiner Holden, die mich dazu brachte ("zwingen" wäre ein zu starker Ausdruck), mir das Weltmeisterschaftsspiel Deutschland gegen Italien 2006 anzusehen. Und das war eine Erleuchtung. Denn in dem Spiel kamen die Charaktere der Völker unverfälscht zum Durchbruch. Der "Volkscharakter" liegt natürlich nicht in den Genen, sondern in einer spezifischen Kulturtradition, die sich über Jahrhunderte erstrecken kann. Und hier der Unterschied:
Die Deutschen planen langfristig, sie sind exzellente Strategen. Die Italiener nutzen jeden Vorteil sofort, sie sind exzellente Taktiker. Die Deutschen denken eher abstrakt (was nicht bedeutet, dass sie schlechte Praktiker wären), die Italiener eher konkret (was nicht bedeutet, dass sie schlechte Mathematiker oder Wissenschaftler wären). Die Deutschen haben abstrakte, moralisch begründete Ideale. Die Italiener haben konkrete, familienbedingte Ziele. Aber der Hauptunterschied liegt im Nationalbewusstsein. Die Italiener fühlen sich als große Familie und kommen einander stets und sofort zu Hilfe, wie es unter Familienmitgliedern üblich ist. Die Deutschen trauen sich nicht, sich als Deutsche zu definieren, mit allen guten und schlechten Eigenschaften. Zu Recht natürlich, wenn man an die Exzesse im Kaiserreich und in der Nazizeit denkt. Aber irgendwann sollte auch das vorbei sein, und der Fußball trägt erstaunlicherweise dazu bei, dass sich das deutsche Nationalgefühl entspannt, und ohne Anstoß zu erregen, zeigen kann. So wie jetzt geschehen.
Wenn nun Deutsche gegen Italiener spielen (oder Politik machen), haben sie langfristige, manchmal auch moralisch hehre Ziele. Doch die Italiener machen ihnen die Pläne immer wieder zunichte und nutzen jegliche Chance, ihnen eins überzubraten. Im Fußball ist das legal, in der Politik wirkt es sich verheerend aus. Zu Recht warf man noch vor einigen Jahren Merkel vor, sie wäre vor den Südländern eingeknickt. Möglicherweise wollte sie auch nicht mehr in der Kritik der anderen stehen. Denn was die anderen - vor allem die Südvölker - den Deutschen vorwerfen, ist wahrhaft erschreckend:
- Die Deutschen sind fleißig, deswegen geht es ihnen gut. Wie kann man nur!
- Die Deutschen sind diszipliniert, deswegen meistern sie Krisen besser als andere. Das ist eine Gemeinheit!
- Die Deutschen sind begabt, deswegen stellen sie gute Waren her, die wir armen Spanier, Italiener, Portugiesen, Griechen und Franzosen kaufen müssen. Unverschämt!
Usw. Was den Deutschen dann geschah, ähnelt - auch wenn dieser Vergleich vermessen scheint - dem, was die Juden in Deutschland ertragen mussten: Sie waren zu intelligent und zu tüchtig, im Vergleich zu ihren Zeitgenossen. Statt sich am Riemen zu reißen, gaben die damaligen Deutschen den Juden an allem die Schuld (gemäß einer alten Kulturtradition). Jetzt geht es den Deutschen ähnlich. Statt dass die Südvölker mal sagen: Naja, vielleicht sind wir selber auch ein bisschen Schuld, tun wir halt was; sagen sie: Die Deutschen sollen uns aus dem Schlamassel rausziehen, und zwar nicht einmal, sondern immer wieder. Schließlich haben sie Freude an ihrer Arbeit und außerdem Geld. Wir (die anderen) haben beides nicht, also sollen gefälligst diese Typen im Norden uns unterhalten.
Inzwischen hat sich einiges geändert. Nach dem Beinahe-Grexit erfolgt nun der echte Brexit und vielleicht bald der Öxit, wenn das neubraune Steirer Glattgesicht die Präsidentenwahl (die wiederholt werden muss) gewinnt. Doch auch in Deutschland hat sich einiges geändert. Zehn Jahre nach der herben Weltmeisterschaftsniederlage gegen Italien hat es Deutschland geschafft. Als der Trainer der Nationalmannschaft gefragt wurde, woran es denn lag, dass sie nun - wenn auch nach langem, harten Kampf und mit ein bisschen Hilfe durch die Göttin Fortuna - den Angstgegner Italien besiegen konnten? Da sagte der kleine Löwe sinngemäß etwas Bemerkenswertes: Wir haben diesmal nicht versucht, uns dem Gegner anzupassen und seine Taktik zu übernehmen. Wir sind wir selbst geblieben und haben uns auf unsere Stärken besonnen. Wozu auch das Mannschaftsspiel gehört, also: nicht alle arbeiten dem einzigen Star innerhalb der Mannschaft zu, sondern jeder hilft jedem. Ein Sieg des bescheidenen Selbstbewusstseins und der erfolgreichen Zusammenarbeit. Weiter so!

-Peter Ripota-

Kommentare, Kritik, Vorschläge bitte direkt an diese Adresse.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Wenn Sie meine früheren Notizen kennen lernen oder nochmals lesen wollen, Sie finden diese im Archiv

Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

---------------------------------------------------------------------

Wenn Sie den Rundbrief in Zukunft nicht mehr erhalten wollen, können Sie Ihre E-Mail-Adresse hier aus dem Verteiler löschen:

http://stereo.peter-ripota.de/newsletterabonn-de-3502.html

Impressum: Angaben gemäß § 5 TMG:
Peter Ripota, Zusserfeldstr. 21, 84174 Eching
Kontakt: Telefon: 08709/9432024, E-Mail: tango@peter-ripota.de
Umsatzsteuer-ID: 67 189 153 024
Verantwortlich für den Inhalt nach § 55 Abs. 2 RStV:
Peter Ripota, Zusserfeldstr. 21, 84174 Eching