Notizen 143

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Was ist bloß mit den Briten los?

Sie haben's geschafft, entgegen aller Erwartung: Die Hasstiraden der Volksverhetzer hatten Erfolg, die Briten wollen lieber in "splendid isolation" ihrem unausweichlichen Niedergang entgegendämmern als aktiv an einem europäischen Staatenverbund mitzumachen. Wie kam es dazu, welche Folgen wird es haben?

To leave or not to leave, that is no question!

                     

 

 

In der Schule wusste ich: Da gibt es eine große Insel weit im Norden, die heißt "England". Folglich sind seine Bewohner "Engländer". Dass die Sache ein bisschen komplizierter ist, erfuhr ich beim Besuch eines Englisch-Gastlehrers von besagter Insel. Er wurde von unserem regulären Englisch-Lehrer als "Engländer" vorgestellt, woraufhin unser Gast sofort protestierte: "Ich bin Schotte". Seit damals weiß ich: eine Sprache heißt nicht unbedingt auch ein Volk. Ist ja bei uns genauso: Deutsch wird in mindestens drei Ländern gesprochen, aber deren Bewohner sind grundverschieden voneinander. Was die Schotten auszeichnet, weiß ich zwar immer noch nicht so recht, aber ich vergleiche sie mit den Bayern und die Engländer mit den Hamburgern.
Jedenfalls war ich immer anglophil. Ich liebte die lakonischen Sprüche angelsächsischer Detektive; ich schätzte den Humor der Engländer (nicht Schotten, nicht Iren), der nicht so schwarz ist wie der jüdische Humor und nicht so platt wie der amerikanische. Ich bewunderte die Toleranz der Engländer, ihre sanfte Überlegenheit, ihren respektvollen Umgang mit anderen, ihren Humor und ihre lässige Lebensart. Von all dem war im Wahlkampf für oder gegen die EU (besser gesagt: für oder gegen Zuwanderung aus Europa) nichts zu spüren. Die Kämpfe wurden mit so viel Fanatismus, Respektlosigkeit, Geifer und Hass geführt, dass es sogar zu einem Mord kam. Und die Volksverführer und -verdummer, angeführt von der australisch beherrschten Boulevard-Presse, hatten Erfolg: Die Bürger Englands (nicht: Großbritanniens) ließen sich von der zynischen Angstmacherei der von Rupert Murdoch beherrschten Presse und ihrer Agitatoren einlullen. Zuwanderer, die zum Brutto-Sozialprodukt beitragen, sollen draußen bleiben, darum ging es. Und: Das Land soll sich nicht von so idiotischen Moralvorstellungen wie sozialer Gerechtigkeit, sozialem Frieden und Umweltschutz beeinflussen lassen. Eine freie Schmutzpresse braucht einen freien Markt, unbeeinflusst von irgendwelchen Normen einer Institution, die sich gefälligst nicht in britische Verhältnisse einzumischen hat. Oder, wie es ein Kommentator auf den zahlreichen Foren ausdrückte: (Es war) ein Akt der bewussten Selbstverletzung. Eine relativ kleine, relativ unbekannte Gruppe von Aktivisten, Hasardeuren und Egozentrikern hat ein Volk aufgestachelt und ein Land aus Europa getrieben - gegen den Premierminister, gegen den Rat von Ökonomen, Freunden und Verbündeten in aller Welt.
Wie kam es dazu? Großbritannien hatte zwar die industrielle Revolution gestartet, dann aber (wohl nach dem Zweiten Weltkrieg) irgendwie den Anschluss an die Entwicklung verloren. Vielleicht hatte sich die englische Klassengesellschaft durchgesetzt, und den Bessergestellten, welche die Macht in Händen hielten, oblag es nicht, sich ebendiese Hände mit harter Arbeit schmutzig zu machen. Erfinden und Produzieren ist harte Arbeit, Eliten sind dazu da, die Früchte ihrer Nicht-Arbeit zu genießen.
Doch vom Nichtstun allein kein Staat auf Dauer leben. Also erfanden sie eine neue Art, Geld zu machen: durch Geld. London wurde durch den geschickten Einsatz von Bankpapieren, von Hedgefonds, Derivaten usw. zum Zentrum der internationalen Finanzpolitik. Das lief so gut, dass viele Superreiche aus aller Welt (hauptsächlich aus Russland, Griechenland und einigen arabischen Staaten) ihr schmutzig verdientes Geld in London wuschen und die Stadt allmählich aufkauften.
Doch dieser Luxus ist jetzt vorbei. Die ersten Banken, Börsen, Finanzschonglöre ziehen schon ab, nach Madrid, Paris und Frankfurt. Die Methode, Geld aus Geld zu produzieren, funktioniert nur im internationalen Maßstab. Und den wird es für London bald nicht mehr geben. Womit wir zu den Folgen des Brexit für Großbritannien kommen. Hier einige Szenarien:
- Schottland wird demnächst ein zweites Referendum für seine Unabhängigkeit starten und vermutlich diesmal Erfolg haben.
- Der Bürgerkrieg in Irland könnte wieder aufflammen, und die beiden irischen Staaten werden sicher auf eine Vereinigung hinarbeiten.
- Diese bisher größte Gruppe von Immigranten - aus Rumänen - wird ersetzt werden durch Einwanderer aus dem ehemaligen Commonwealth, also Pakistani, Bangladeschi, vielleicht auch Afghanen und Inder. Die sind alle nicht christlich, bilden gerne Parallelgesellschaften und werden das beschauliche Leben, das sich manche im Einflussbereich des Golfstroms wünschen, zunichtemachen.
- Großbritannien, schon jetzt mehr verschuldet als Frankreich oder Griechenland, abgeschnitten von Investition der Deutschen oder anderer potenter Arbeitgeber, wird noch mehr verarmen, was den sozialen Frieden nicht gerade fördert. Der ist ohnedies schon fraglich, zumal die Jugend ihren Eltern vorwirft: Ihr habt uns mit eurem Anti-Europa-Verdikt die Zukunft in Europa vermasselt.
- Als Retter werden die Chinesen auftauchen, wie üblich. Von wegen "England den Engländern"!
Und Europa? Nach einem (vor dem Brexit geschriebenen) Beitrag von Christoph Schult aus dem SPIEGEL 24/2016 kann die EU nur profitieren. Die Blockade-Politik Großbritanniens ist vorbei. Eine Transaktionssteuer kann endlich eingeführt werden (Hauptgegner: GB), die europäische Integration könnte vertieft werden (Hauptgegner: GB), die Anti-Schleuser-Mission "Sophia" könnte endlich realisiert werden (Hauptgegner: GB), usw.
Da kann man denen, die den Brexit wollten, und auch allen anderen, die jetzt darunter leiden werden, nur wünschen, sich ein wenig von den typisch englischen Eigenschaften zu bewahren oder sie wiederzuentdecken: Humor, Toleranz, Lässigkeit und Respekt voreinander. Ihr werdet das brauchen!

-Peter Ripota-

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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