Notizen 141

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Was ist denn bloß mit Frankreich los?

Im Augenblick scheint sich Frankreich wieder mal selbst zu zerfleischen. Schlechte wirtschaftliche Daten, Terrorismus, auch als Gefahr für die Fußballmeisterschaft, unversöhnliche Gegensätze. Woran liegt das?

Die Revolution schreitet voran - für immer.

                     

 

In Frankreich tobt gerade ein Kampf zwischen den Gewerkschaften und der Regierung. Nicht wie in Deutschland, wo man erst durch Verhandlungen, dann durch Warnstreiks, schließlich durch echte (aber geordnete) Streiks seine Forderungen durchzusetzen versucht. Nein, in Frankreich geht es stets um alles oder nichts, um Staat oder Anarchie, um absolute Monarchie oder alles zerstörende Revolution. Schüler und Studenten protestieren gegen ein Gesetz, das ihnen den Zugang zu Arbeitsplätzen erleichtern sollte - bei 25% Jugendarbeitslosigkeit eine absolute Notwendigkeit. Die Linke verweigert den Blick auf die Wirklichkeit. "Die Franzosen" sagte ein alter Pariser, "scheinen nicht mehr fähig zu sein, Probleme auch zu lösen. Sie erleiden sie bloß." "Nuit debout", der lang ersehnte politische Aufbruch, entartete zu einer Nachtwache der letzten Aufrechten.
Aber ist Frankreich nicht das Land der Erneuerung, die Franzosen das Volk der Philosophen mit geschliffener Sprache, Paris die Stadt des leichten Lebens, der Künste und der Liebe? Stimmt alles (noch), aber da gibt es eben auch die dunklen Seiten der Republik. Zum Beispiel die Vorliebe für Anarchie. Meine Tochter, mit einem Franzosen verheiratet und längere Zeit im Zentrum von Strasbourg beheimatet, teilte mir ohne größere Emotionen mit, dass das Einschlagen von Fensterscheiben und das Anzünden von Autos in der Silvesternacht zum geheiligten Brauchtum gehöre. Oder war es der Tag der Arbeit? Oder der Nationalfeiertag? Egal, ein bisschen Anarchie gehört dazu, so wie in Bayern das Maibaumstehlen. Allerdings mit anderen Folgen.
Vergessen sollten wir auch nicht: Die 1789-Revolutionäre wollten nicht etwa die Privilegien der Adeligen brechen, sie wollten sie selber haben. Und der Staat ist immer der Feind, mit dem man nicht verhandelt, dessen Macht man durch Umsturz beseitigt. Leider hat sich in letzter Zeit ein anderer Feind in die Herzen und Städte der Franzosen geschlichen: der Terrorist. Im Speziellen der islamistisch-fundamentalistische Anarchist, der seine destruktiven Taten mit Koran-Zitaten rechtfertigt. Wie kam es dazu, dass ein so tolerantes Volk wie die Franzosen eine derart üble Schlange an ihrem Busen säugten?
Die Antwort lautet wohl: So tolerant sind die Franzosen gar nicht, jedenfalls nicht Fremden gegenüber. Zuwanderer aus den Maghrebstaaten sind nun mal keine echten Franzosen, genausowenig wie Nationalspieler dunkler Hautfarbe echte Deutsche sind (jedenfalls laut Meinung eines gewissen Gauleiters; oder hab ich den Namen falsch mitgekriegt?). In dieser Hinsicht habe ich selbst einige unangenehme Erinnerungen. So zum Beispiel auf einem internationalen Jugendlager im Wilden Kurdistan, im Osten der Türkei. Jugendliche aus aller Welt bauten gemeinsam eine vom Erdbeben zerstörte Schule auf. Die jungen Männer und Frauen kamen von überall her, von Amerika über Europa bis nach Japan. Klar, dass ich mich unter den Engländern wie zu Hause fühlte, die Deutschen ob ihrer Sorgfalt und Ehrlichkeit bewunderte, die Amerikaner fröhlich, aber ein wenig oberflächlich fand. Doch zu den Franzosen bekam ich keinen Zugang. Es war kein Feriencamp, sondern eine Gemeinschaft hart arbeitender Männer und Frauen. Auch wenn ich mit einem Franzosen den ganzen Tag knietief im Schlamm stand und mit ihm zusammen schwere Steine schleppte - er redete die ganze Zeit nicht mit mir, und am Abend saßen die Franzosen zusammen, unterhielten sich in ihrer Sprache und ließen keinen an sich ran.
Viel später dann erstaunte mich dieser Vorfall: Bei einem wissenschaftlichen Kongress in Deutschland hielt ein französischer Wissenschaftler einen Vortrag in Englisch, wie es üblich war bei nicht-deutschsprachigen Teilnehmern. Doch anschließend wurde dieser Mann vom deutschen Moderator ob seiner Rede gerügt. Sie haben Ihren Vortrag in Englisch gehalten, sagte er, dabei weiß ich, dass Sie exzellent Deutsch sprechen. War die Sprache des ehemaligen Erzfeindes unter der Würde des standesbewussten Franzosen?
Der dritte Vorfall - auf einem Tango-Kreuzfahrtschiff - war besonders übel. Wir waren eine internationale europäische Gemeinschaft und unterhielten uns mit nicht-deutschsprachigen Teilnehmern, wie üblich, in Englisch. Ein junges Paar aus Martinique - also Franzosen - war auch dabei, und ich fragte ihn ganz harmlos (auf Englisch), wie es ihm hier so gefalle. Da schnauzet mich der Mann an: On fronsäs silvuplä.
Drei persönliche Vorfälle: Da ist kein Allgemeinurteil erlaubt. Zudem habe ich die vielen schönen Begegnungen mit dem Volk der Franken verschwiegen. Aber könnte es sein, dass sich die Franzosen immer noch als die größte Nation sehen, erhaben über alle anderen, die unter ihnen liegen und die sie ihre Verachtung fühlen lassen? Könnte es sein, dass Zuwanderer aus arabischen Ländern sowas fühlen und dann entsprechend reagieren - durch Abgrenzung, Minderwertigkeitskomplexe, Zusammenschluss zu gewalttätigen Zirkeln? Nicht immer liegt die Gesamtschuld ausschließlich bei den Tätern!

-Peter Ripota-

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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