Notizen 138

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Wer hat Angst vor wem?

Wir haben Angst vor Terroristen und ihren Waffen. Dabei haben die viel mehr Angst vor uns und unseren Ideen. Die Feder ist mächtiger als das Schwert!

   

Wer hat Angst vor wem? Die skurrile Bühnengestalt (rechts) vor dem Rambo (links), oder der starke Mann im Kreml (links) vor dem zarten Wesen (rechts)?

Stellen Sie sich vor, Sie müssen in einem völlig fremden Land mit Ihnen unbekannten Verhaltensweisen und Regeln leben, ohne anzuecken, ohne mit Polizei, Bevölkerung, dem Gesetz oder anderen, Ihnen unbekannten Machtinstrumenten in Konflikt zu geraten. Schwierig, oder? Auf jeden Fall werden Sie zunächst ein bisschen ängstlich sein, vielleicht sogar Angst haben. Und nun versetzen Sie sich in die Seele eines Flüchtlings in einem europäischen Land. Was ist erlaubt, was verboten, was höflich, was beleidigend? Worauf ich hinaus will: In erster Linie muss ein Flüchtling vor uns Angst haben, nicht wir vor ihm!

Fremde Traditionen - gefährlich oder bereichernd?

Aber die wollen doch bei uns ihre rigiden Glaubensgrundsätze mit Gewalt durchsetzen! Die Sache ist die: Wir leben derzeit in einer Welt, die sich ständig wandelt, und die Jugend wird gut damit fertig. Andere Kulturtraditionen sind ihnen nicht fremd, schon gar nicht bedrohlich, denn Reisen in Europa, in Amerika, sogar im nahen und im fernen Osten, gehören bald zum Standardrepertoire des Erwachsenwerdens. Wobei die Möglichkeiten des Schüleraustausches den geistigen Horizont ebenfalls erheblich erweitern. Kurzum: Wer in Europa bestehen will, muss sich anpassen können und "ausländische" Ideale und Verhaltensweisen zumindest kennen.
Das aber gilt nicht für Menschen aus traditionellen Gesellschaften, wo streng zu befolgende Verhaltensmuster vorherrschen, wo Hierarchien nicht aufgebrochen und Autoritäten nicht in Frage gestellt werden können; wo Kinder selbstverständlich das tun, was ihre Eltern sagen, und diese auch ihre künftigen Ehepartner aussuchen. Sie meinen, ich spreche von einem exotischen Land fern unserer Kultur? Nein, es geht um Deutschland vor hundert Jahren! Und in manchen anderen Ländern, die keine zwei zerstörerischen Weltkriege erlebt haben, gelten solche Regeln auch heute noch. Und der Schock, wenn sie zu uns kommen, ist dann groß.

Das Schlimmste: etwas/jemand nicht einordnen können

Als Beweis für unsere These, die andern fürchten uns, zitieren wir den strengen Ajatollah Khomemi: Wir haben keine Angst vor Sanktionen. Wir haben keine Angst vor einem militärischen Einmarsch. Was uns Angst macht, ist die Invasion westlicher Unmoral. Sprich: Demokratie, Freiheit, Gleichberechtigung und Lebenslust.
Noch ein anderes Beispiel: Sein Seelenverwandter Wladimir Putin samt Geldgenossen. Am meisten regten die sich über einen harmlosen Entertainer namens Thomas Neuwirth auf. Besser bekannt wurde er als Sieger des European Song Contest 2014 unter dem Namen Conchita Wurst - eine leicht skurrile Bühnen-Kunstfigur aus alten Zirkustagen. Putin, der starke Mann mit nacktem Oberkörper, reagierte überaus heftig darauf, und zwar nicht aus politischen Gründen wie 2016, wo die Siegerin aus der Ukraine sanfte Kritik am Einmarsch der Russen in ihr Heimatland übte. Nein, Conchita verprellte die Machthaber im Kreml allein durch ihre Präsenz, denn ihr Äußeres (wie gesagt: nur auf der Bühne) entsprach nicht den Idealvorstellungen der konservativen Herrscher. Der russische Abgeordnete Wladimir Schirinowskij ließ verlauten, man hätte Österreich 1955 nicht in die Freiheit entlassen dürfen. In Österreich polemisierte der FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache gegen die Entsendung Wursts durch den ORF. Und auf einem sozialen Netzwerk, für das ich einige Zeit tätig war, sagte ein Mitglied: "Ein durchgeknallter Österreicher mit Bart. Hatten wir das nicht schon einmal?"

Bezeichnenderweise fand die Psychologie ähnliche Bezüge: Wer auf strikten Strukturen besteht, hat keinen Humor. Zwar kann er über Witze lachen, aber nur dann, wenn sie eindeutig sind und keinen Spielraum offen lassen. Die Psychologen Willibald Ruch, Peter Busse und Franz-Josef Hehl fanden heraus: Wer eindeutige Witze bevorzugt, ist aggressiver und möchte Übeltäter härter bestraft wissen. Kurzum: Wer mit unsicheren Kategorien nicht leben kann, ist ein "Law-and-Order"-Mensch.

Ideen sind wie Seuchen, sie breiten sich aus

Zurück zu den Terroristen. Die Ideen der Gesellschaft, in diese Menschen mehr oder minder freiwillig geraten sind, wirken wie bösartige Keime, welche die eigene Familie infizieren und damit zerstören können. Was (so denken sie) kann man dagegen tun? Offenbar das Gleiche, was wir machen, wenn wir Menschen begegnen, die von einer ebenso ansteckenden wie tödlichen Krankheit befallen sind (zum Beispiel Ebola): Wir isolieren sie. Und wenn das nicht geht - und es geht nicht, denn die anderen - also wir - sind in der Überzahl - dann muss man sich eben selbst isolieren. So entstehen Parallelgesellschaften. Die sollten man - darüber sind sich wohl alle einig - tunlichst vermeiden, damit wir keine amerikanischen Ghetto-Verhältnisse bekommen. Stuttgart scheint dies durch eine kluge Politik gelungen zu sein, Berlin durch extremes Laissez-fair offenbar nicht.
Müssen wir aus religiöser Toleranz hinnehmen, dass manche mit Berufung auf ihre Religion unsere Werte und Gesetze brechen? Nein, aber der Gesellschaft täte es gut, ohne Rücksicht auf Vorwürfe oder von außen induzierte Schuldgefühle ernsthaft darüber zu diskutieren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Dürfen wir Kleinkindern Gewalt antun? Nein. Dürfen wir Kleinkinder genitalverstümmeln? Nein, wenn es sich um Mädchen handelt, ja, wenn es sich um Buben handelt und diese barbarische Praxis religiös gerechtfertigt wird.

Fundamentalismus gibt es in allen Religionen - und auch außerhalb davon

Aber was machen wir mit denen, die sich isolieren, Kleinkinder verstümmeln, die Scharia einführen wollen oder Befürworter von Schwangerschaftsabbrüchen vor dem Krankenhaus erschießen (in den USA geschehen)? Das eine, was auf jeden Fall getan werden muss: einschreiten, juristisch hart durchgreifen. Eine "sanfte Linie" bringt da nicht viel. Schweden ist in dieser Hinsicht Vorbild, religiöse Rechtfertigungen für Gewalt gegen Frauen und Kinder werden von den Gerichten nicht anerkannt. Das andere wirkt langfristig: Die Nachkommen derer, die sich um jeden Preis isolieren wollen, fördern, sie in unserer Gesellschaft akzeptieren, sie aufnehmen und ihnen zeigen, dass das Leben ohne rigide Wertvorstellungen und barbarische Rituale viel lebenswerter ist. Dann kommen sie auch bei uns an.

-Peter Ripota-

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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