Notizen 136

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Was ist typisch deutsch?

Friedrich Merz, damals Fraktionsvorsitzender der CDU, hat den Begriff "Deutsche Leitkultur" in die Öffentlichkeit gebracht, und er wurde kurz danach abserviert. Jetzt, beim Ansturm Hunderttausender von Flüchtlingen aus fernen Ländern, ist die Diskussion wieder aufgeflammt.

Was ist typisch?

Es gibt in jedem Land eine Kulturtradition, die sich über Jahrhunderte und Jahrtausende herangebildet hat und den Großteil der Bevölkerung durchdringt, ohne dass die Menschen sich dessen bewusst sind. Diese Summe an Traditionen wurde aber keineswegs bewusst geschaffen. Sie hat sich einfach irgendwie (mehr zufällig als gesteuert) gegen andere Traditionen durchgesetzt. Und diese anderen Traditionen sind in Bevölkerungsteilen auch noch erhalten geblieben. Beispiel: Deutschland wurde ungefähr zu gleichen Teilen vom Katholizismus und vom Protestantismus geprägt. Beide religiösen Richtungen gehören zwar zum Christentum, sind aber in ihren Auffassungen von Leben, Lieben, Arbeiten und Beichten grundverschieden. Den Kontrast kann man immer noch erleben zwischen - grob gesagt - dem Norden (protestantisch: arbeiten und Geld verdienen) und dem Süden (katholisch: leben und leben lassen). Welche der beiden Kulturtraditionen ist jetzt typisch deutsch?

 

Was ist typisch deutsch?

Im Englischen gibt es einen bezeichnenden Ausdruck für ein typisch deutsches Grundgefühl: German angst, also die Angst der Deutschen vor - vor ziemlich allem, was neu ist, eine Einstellung die Angelsachsen (und besonders Amerikaner) nicht verstehen können. Beispiel Flüchtlingswelle: Anstatt zu fragen: "Was müssen wir tun, um damit fertig zu werden?" fragen die Deutschen: "Was geschieht hier an Schrecklichem, Undenkbarem, Undeutschem, wenn sich die hier niederlassen?" Und so fordern wir, dass unsere Flüchtlinge/ Asylanten/ Immigranten/ Neubürger die deutsche Leitkultur akzeptieren. Aber was ist denn nun typisch deutsch?

Fangen wir mit einer Tugend an, die lange Zeit zu den wertvollsten des deutschen Volkes zählte und immer ganz oben im Katalog des Erstrebenswerten stand: die Treue. Damit war nicht etwa die eheliche Treue gemeint, sondern die zum Lehnsherrn (im Mittelalter) und zu allen Vorgesetzten. So wichtig war diese Eigenschaft, dass die Deutschen sogar einen eigenen Begriff dafür fanden: Nibelungentreue, eine Form bedingungsloser, letztendlich meist verhängnisvoller Treue. Besser gesagt: Unterwerfung. Wenn dein Vorgesetzter sagt: Schlag dem anderen den Schädel ein oder erschieße die Untermenschen zu Tausenden, dann tue es auch. Kein Wunder, dass diese "Tugend" im Dritten Reich Hochkonjunktur hatte. Ein weniger schönes, aber treffenderes Wort für die Nibelungentreue war "Kadavergehorsam": Die gehorchst so lange, bis du ein Kadaver (also eine Leiche) bist. Glücklicherweise wurde dieser Begriff durch die Gräuel der Naziherrschaft so in Misskredit gebracht, dass ihn heute kaum jemand kennt und niemand propagiert. Eine deutsche Tugend weniger - Gott sei Dank!

Was gibt es sonst für Werte, die unsere Neubürger lernen sollen? Da ist wohl in erster Linie unsere Pünktlichkeit, die wir mit den Schweizern teilen. Was bedeutet: Wenn du mit dem Flugzeug, dem Bus, der Bahn mitfahren willst, musst du pünktlich sein. Das weiß jeder. Aber im privaten Bereich ist Pünktlichkeit nicht überall eine Tugend. Nicht jeder, der unpünktlich ist, will die anderen demütigen (siehe "Warum sind Menschen unpünktlich?")

Zumindest zeigt Unpünktlichkeit, sofern nicht durch höhere Mächte bewirkt, einen Mangel an Respekt demjenigen gegenüber, der pünktlich erscheint. Die Unverbindlichkeit, ja Gleichgültigkeit anderer Nationen gegenüber dem Einhalten von Zeitplänen bringt das gewohnte reibungslose Miteinander durcheinander. Pünktlichkeit ist ein Versprechen, eine Verpflichtung, und sowas kann und muss man tatsächlich lernen.

Schließlich gibt es hier etwas, das viele Neubürger erst mal nicht begreifen: die Möglichkeit, durch Ausdauer und Disziplin im Leben etwas zu erreichen. Viele Flüchtlinge wollen Vorstandsvorsitzender bei Volkswagen, Pilot oder Bundeskanzler werden, ohne zu wissen, dass dazu viel Arbeit, Ehrgeiz, Ausdauer, Beharrlichkeit, Bescheidenheit und Verzicht gehören. Und vor allem Bildung. Wer in Deutschland etwa erreichen will, muss dabei bleiben, jahrzehntelang, mit viel Frust und ohne wirkliche Aussicht auf den angestrebten Endzustand. Klingt logisch? Viele glauben nicht mehr daran, auch in Deutschland, die wirtschaftliche Lage ist zu unsicher. Und wie sollen unsere Neubürger eine Tugend erlernen, an die unsere Jugend nicht mehr glaubt?

Bleibt die Frage: Wie bringen wir unsere Tugenden den Neubürgern bei? Die beste Art, deutsche Tugenden (was immer die auch sind) unter Fremden zu verbreiten, liegt darin, sie in unsere Kultur zu integrieren: als Praktikanten, als Zupacker, als Gäste in unseren Häusern, als Menschen, die sich ständig mit uns auseinandersetzen und konfrontieren müssen. Dabei lernen sie am meisten - und wir auch.
Das nächste Mal: weitere Tugenden.

-Peter Ripota-

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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