Notizen 072

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Heute kein neues Wort zum Sonntag, dafür ein paar Gedichte zum Entspannen.

Meine Lieblingsgedichte

 

Das erste Gedicht fand ich in einer obskuren Zeitung vor 40 Jahren. Der Autor, in meiner Heimatstadt Linz (Österreich) 1912 geboren, war Widerstandskämpfer und von Roland Freislers berüchtigtem "Volksgerichtshof" zu 15 Jahren Kerker verurteilt worden. Nach dem Krieg arbeitete Thanner als Journalist und Übersetzer und Herausgeber der katholischen Wochenzeitung "Die Furche". Vorhang auf:

 Erich Thanner: Metaphysisches

Ein Huhn, der Wissenschaft zum Hohn,
Lebt in der vierten Dimension.
Nie wirst Du dieses Huhn ertasten.
Begnüge Dich, nach langem Fasten
Es mit entzückt-entrücktem Grauen
Als Mythos innerlich zu schauen!
Nur Magiern vom alten Korn
Erscheint es manches Mal von vorn
Und (je nachdem, wie es gewillt)
Auch als sein eignes Spiegelbild.
(Ein kleiner Trick, und außerdem
Im vierten Raume kein Problem;
Dort gilt kein Drehen und kein Schieben,
Man stülpt sich um, ganz nach Belieben.)
Den Höhepunkt der Dämonie
Jedoch erklomm besagtes Vieh,
Als es begann (wie Hühner pflegen)
Im Spiegelbild ein Ei zu legen,
(Demnach: verkehrt und ungeniert
Die Ei-Idee objektiviert!)
Das Huhn entschwand mit gellem Schrei,
Doch uns verblieb - das Spiegelei!

Das nächste Gedicht fand ich in einer Sammlung amerikanischer makabrer Lyrik. Da ich mich mit dem Helden dieser Poesie so gut identifizieren konnte, übersetzte ich das Gedicht und stellte es in einer Science-Fiction-Zeitung als Quasi-Autobiographie vor. Der Autor wurde 1871 in Wien als Sohn amerikanischer Eltern geboren, war Herausgeber einer Frauenzeitschrift und Mitbegründer der "Poetry Society of America". Vorhang auf:
 
Arthur Guitermann: Der abergläubische Geist
 
Ich bin ein stiller kleiner Geist
tu keinem was zuleide;
die andern sagen, ich sei meist
aus Angst ganz bleich, wie Kreide.
Die finstre Nacht ist's, was ich mag —
ich fühl mich einfach herrlich.
Ich lieb die Dunkelheit; bei Tag
da ist mir ganz erbärmlich.
Ich kriech in einen hohlen Baum
mit schlotternden Gebeinen,
gequält von einem grausen Traum:
mir wird ein Mensch erscheinen!
Natürlich kann's sowas nicht geben
solang Gesetze noch bestehn,
doch Bohumil von Spukersleben
hat selber einen einst gesehn!
Er sagt, sie gleiten nicht wie wir
sie gehn (Gott, wie entsetzlich)
auch sind solid sie wie 'ne Tür
(das ist doch ungesetzlich!)
Sie rennen dauernd ganz verstört
als ob sie etwas suchen,
anstatt dass sie, wie sich's gehört
in alten Schlössern spuken.
Sie reden von "Kunst", das wilde Pack
und wollen den Wald entlauben.
Ich weiß, es ist bloß Schabernack,
der reinste Aberglauben.
Doch wenn mich einmal einer weckt
(und sei's auch nur ein kleiner)
ich werd lebendig werden vor Schreck',
und dann — bin ich, auch einer!

Das dritte Gedicht, nun echt autobiographisch, zeigt eine Charaktereigenschaft von mir, die ich normalerweise geschickt verberge: Mut und entschlossenes Handeln in prekären Situationen. Vorhang auf:
 
Peter Ripota: Die Frösche
 
Die Frösche quaken seelenvoll im Tümpel,
die alte Hütte steht gleich nebenan.
Ich taste mich durch allerlei Gerümpel
und zünde endlich eine Kerze an.
Verfaultes Holz, ein Fensterrahmen, Stücke
von einem Kasten, eine Tür;
ein Nachttopf (Inhalt: Großvaters Perücke), Nägel,
Kriegslager-Blechgeschirr.
Ein Bett (mit Einsatz), drüber eine Spinne,
ein Besen (borstenlos), zerbrochnes Glas;
ein Stück von 'ner verbognen Regenrinne,
ein Geierfoto (eingerahmt)(mit Aas).
Ich mache mir's bequem im Bett
auf rostiger Matratze
und voll Genuss les ich 'Tales of the Grave'
("Der Nachtmahr", Seite 10).
Das Kerzenlicht tröpfelt beruhigend
auf meine Glatze,
im Teich, vorm Fenster die Frösche
ihre Bäuche blähn.
Die Zeit vergeht. Ich bin auf Seite 23.
Der Boden knarrt. Ein Käuzchen klagt in Moll.
Die Luft im Zimmer riecht schon etwas ranzig.
Die Frösche sind ganz still, erwartungsvoll.
Die Frösche schweigen, lauschen in geheimer Wacht,
die Kerze flackert plötzlich, wie im Wind.
Dann ist's vorbei. Im Zimmer ist die Nacht
ich lieg im Bett, stumm, regungslos und blind.
Ich denk an Mahre, Dracula, und ob die Tür verschlossen,
an Frankenstein, Vampire, ans versäumte Nachtgebet
(ich bin nicht fromm), an Wesen draußen
in dem Wald, dem großen,
an Gräber ohne Inhalt; wo der Feuerhaken steht.
Ich fürcht mich nicht! Ich hab nie Angst gehabt.
Ich bin modern. Ich glaub nicht an Gespenster.
Ich lieg im Bett, sehr still, und etwas schabt
ganz leis an meinem Fenster ...
 
 
Angenehme Träume!

 

Dieser Artikel (mit Abbildungen und Kommentaren) erschien hier.

 -Peter Ripota-
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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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