Notizen 071

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Heute kein neues Wort zum Sonntag, dafür zwei zusammengehörige Artikel.

Mein Wort zum Sonntag: Wieviele Menschen kann man gleichzeitig lieben?

Seit einiger Zeit gibt es international eine lose Gruppe von Menschen, die sich "Poilyamoristen" nennen und behaupten, sie könnten mehrere Menschen gleichzeitig lieben. Wie soll das gehen?
Sogenannte "Offene Beziehungen" gab es schon immer, aber sie waren auf besonders privilegierte Menschen beschränkt (Herrscher mit Harem) oder solche, die sich dafür hielten (Künstler, Intellektuelle, Gesellschaftsreformer). Ist ein Mann mit mehreren Frauen gleichzeitig verheiratet, spricht man von "Polygamie" oder "Polygynie". Diese Beziehungsform ist in menschlichen Gesellschaften weit verbreitet, nicht aber in den Kulturen, die vom jüdisch-christlichen Glauben beeinflusst sind. Wie 'natürlich' oder unnatürlich sind solche Beziehungsformen? Anders gefragt: Ist Monogamie die einzige natürliche sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen? Die Polyamoristen (poly = griechisch = viel, Amor = lateinisch = Liebe) behaupten: Jedermann/Jedefrau kann mehrere Personen gleichzeitig lieben, mit der gleichen Intensität, ohne Eifersucht. Das ist doch absurd, oder? Kann ein Mensch so etwas?
Simple Antwort: Die meisten Menschen können es nicht nur, sie tun es auch. Fragen Sie irgendeinen Menschen, Mann oder Frau, ob er/sie die eigenen Kinder liebt. Die Antwort ist sicher "ja", und sie ist wohl auch ehrlich gemeint. Zudem lieben die meisten Menschen auch ihre Eltern, und manchmal auch ihre Geschwister. Da haben wir schon eine ganze Reihe von Personen, die gleichzeitig und (im Fall der Kinder) möglicherweise auch mit gleicher Intensität geliebt werden wie der Lebenspartner.
Ja aaaber, werden Sie sagen, das ist doch etwas ganz anderes. Da gib es schließlich keinen Sex. Aber wer hat denn was von Sex gesagt? Uns ging es um ein Gefühl, und wenn die Liebe nur im Zusammenhang mit Sex möglich wäre, dann wäre das eine traurige Angelegenheit. Liebe ohne Sex ist schön, Sex ohne Liebe kann es auch sein, jedenfalls sind die beiden erst mal unabhängig voneinander.
Aber wie steht es mit jenem Gefühl, das offenbar untrennbar mit der Liebe verknüpft ist: der Eifersucht? In unserer Kultur darf jeder eifersüchtig sein, wenn er/sie den Partner mit einem anderen erwischt. In unserer Kultur darf niemand eifersüchtig sein, nur weil ein Elternteil einem Kind scheinbar mehr Liebe schenkt als dem Partner. Somit gilt: Eifersucht ist ein rein kulturell bedingtes Phänomen. Sie kommt auf, wenn sich jemand des Partners nicht sicher ist, also durch Verlust- und Versagensängste. Das wissen auch die Polyamoristen, und deswegen werden Gefühle der Eifersucht nicht unterdrückt, sondern ausführlich besprochen.
Doch die Grundlagen für jede Beziehung, egal wie viele jemand eingehen möchte, sind für die Polyamoristen Liebe, Offenheit und Treue. Was, wie, die gehen mit anderen ins Bett und behaupten dann, sie wären treu? Da müssen wir erst mal einiges definieren, vor allem: Sex und Treue. Das haben wir an anderer Stelle ausführlich getan:

So sehen die Polyamoristen die Treue: als Bekenntnis zu seinem Partner, zu seinen Partnern, die nicht gleich fallen gelassen werden, wenn ein anderer daher kommt. Zwar leben diese Menschen in gewissem Sinn offene Beziehungen, was aber in keiner Weise heißt, dass sie mit jedem möglichen Partner ins Bett hüpfen oder gar den bisherigen verstoßen. Vielmehr geht es um größtmögliche Transparenz: Sage deinem Partner, was mit dir los ist, diskutiere mit ihm, tu nur das, was für euch beide richtig ist. Das ist ebenso anstrengend wie stabilisierend. Und außerdem verantwortungsvoller als was die meisten anderen machen, die sich heimlich in eine Affäre stürzen oder auch nur in Gedanken untreu werden.
Doch wie kann ein Mensch in der Praxis in einer solchen Multi-Beziehung leben?

Im letzten Beitrag haben wir erklärt, wie die Polyamoristen leben wollen. Doch schon Goethe wusste: Grau, teurer Freund, ist jede Theorie. Die Praxis zeigt, was an einer Idee dran ist. So befragte ich eine bekennende Polyamoristin und besuchte eine Versammlung der lokalen Polyamoristen, um herauszufinden, wie all die schönen Ideen umgesetzt werden können. Hier ihr Bericht:

Ich wurde katholisch erzogen und hatte die üblichen Ideale unserer Gesellschaft: Die Frau wartet auf den Traummann, der kommt vorbei, hebt sie auf seinen Schimmel, erfüllt ihr alle Wünsche, bleibt ihr ein Leben lang treu, und auch nach 50 Jahren knistert es noch. Bis ich meine Auffassungen änderte, das dauerte. Erst einmal hatte ich ein Erlebnis, das mein Selbstbewusstsein entfachte. Das kam so:
Eines Tages sah ich beim Tanzen einen Mann, von dem ich sofort wusste: Der ist mein Traummann. Aber, wie so üblich, er war gebunden, und seine Partnerin duldete selbstverständlich keine "Zweitfrau". Ich schon. So wurden wir ein Paar, doch er verheimlichte ihr die "Affäre", und als wir dann einmal gemeinsam in Urlaub fuhren, telefonierte er die ganze Zeit mit ihr. Ich blieb trotzdem bei ihm, obwohl er sich „offiziell“ für die andere entschieden hatte. Aber eines Abend geschah das, was einer Frau beim Tanzen immer wieder zustößt: Er kümmerte sich den ganzen Abend um sie und andere, und ich saß da, als Mauerblümchen, kränkte mich, ärgerte mich, fragte mich die ganze Zeit: Warum gerade ich? Bis mir plötzlich der Gedanke kam: Bist du hier zum Ärgern oder zum Tanzen? Da machte es 'klick' und ich holte mir den ersten Mann, zum Tanzen, und den zweiten, und den dritten, und es war ein fantastischer Abend. So lernte ich, dass ich für mich selbst eine Lösung finden kann, die mich glücklich macht. Ich selbst bin zuständig für mein Glück, nicht andere. Mir war klar, dass ich es nicht erzwingen konnte, dass der andere nur für mich da sein würde.
Eines Tages begegnete ich beim Tanzen wieder einem Mann, charmant, selbstsicher, selbstbewusst. Er erzählte von einer Gruppe von Menschen, die mehrere Beziehungen haben, trotzdem treu sind, nicht von Eifersucht geplagt werden und kein Aufsehen davon machen. Er schilderte mir den eigenen Fall: Er selbst liebte Sex, am liebsten so oft wie möglich (so fünf- bis sechsmal am Tag). Seine Frau wollte nach der Geburt der beiden Kinder überhaupt keinen Sex mehr. Normalerweise geht eine solche Beziehung, nach diversen Affären des Mannes, garantiert in die Brüche, und alle leiden darunter, besonders die Kinder. Die beiden aber fanden eine andere Lösung: Sie blieben zusammen, hatten einen liebevollen Umgang miteinander, und er suchte sich andere Partnerinnen, die er sofort über seinen Status informierte, und von denen er auch seiner Frau immer erzählte. So wurde ich "Polyamoristin", lernte seine Frau kennen, staunte über den liebevollen Umgang der beiden miteinander und das Fehlen von Eifersucht.
Im Augenblick lebe ich in fester Beziehung mit einem sehr angenehmen, verständnisvollen Menschen, der meine Ansichten teilt und mit mir gemeinsam zu Versammlungen von Gleichgesinnten fährt. Dabei geschah mir einmal etwas, was mich sehr beeindruckte und mir zeigte, was wahre Treue ist: Bei einem solchen Treffen lernte ich einen Mann kennen, der mir gefiel und mit dem ich was unternehmen wollte. So verabredete ich mich mit ihm in seinem Wohnwagen, aber als ich zu ihm kam, lag er mit einer anderen Flamme im Bett. Sie wäre so vorbeigekommen, und da hätte es sich spontan ergeben ... Mein Lebenspartner, der davon natürlich wusste, war außer sich, als er davon hörte. "Wie kann der Typ dich so versetzen? Das ist unhöflich, respektlos, nicht tolerierbar." meinte er. Wir beließen es dabei, denn wir waren auf einem Fest der Liebe, nicht des Kampfes.
Und wenn dein Partner mal nicht das tut, was du willst, oder etwas tut, was du nicht willst, und du dich wie der Fischer mit seinem Weib fühlst ("Meine Frau, die Ilsebill, tut nicht das, was ich so will"), dann musst du dem anderen weder Szenen noch Vorwürfe machen, und du darfst auch nicht erwarten, dass er deine Gedanken lesen kann; du musst nicht schmollen, ihm nicht böse sein, weil er eben nicht Gedanken lesen kann - sondern einfach ruhig, freundlich und liebevoll sagen: Ich hätte gern ... Und so kann jedes Problem durch Eingehen aufeinander und miteinander Reden gelöst werden. Das ist natürlich viel anstrengender als eine übliche Beziehung. Dafür halten diese Beziehungen länger, sind ehrlicher und erfüllender.

Dieser Artikel (mit Abbildungen und Kommentaren) erschien hier und hier.

 -Peter Ripota-
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Wenn Sie meine früheren Notizen kennen lernen oder nochmals lesen wollen, Sie finden diese im Archiv

Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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