Notizen 033

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Piraten im Netz

 

Am 26. April wurde, wie jedes Jahr, der "Tag des geistigen Eigentums" groß gefeiert, vor allem von den Chinesen. Die haben zwar wenig Eigenes davon, feiern aber umso mehr das, was sie sich (wie Einstein sagen würde) "nostrifiziert" (zu eigen gemacht) haben. Die einen wollen absolute Kontrolle, vor allem die Regierungen. Die anderen wollen absolute Freiheit, vor allem die Piraten. Aber was hat es mit dem Recht auf geistiges Eigentum wirklich auf sich?
Schon die alten Römer beklagten sich über Raubkopien. Bis ins Spätmittelalter war der Begriff im Abendland aber unbekannt. Zwar war es verboten, ein Buch zu stehlen, aber man durfte jedes Buch kopieren und dabei auch kollektiv verändern. Dass jemand Besitzer seiner schöpferischen Werke wäre, diese Idee kam zum ersten Mal bei Dürer auf (der aber keine finanziellen Vorteile davon hatte) und etablierte sich bei den individualistisch geprägten Renaissance-Künstlern. Dennoch fand Johann Sebastian Bach (1685-1750) nichts daran, die Violinkonzerte seines Zeitgenossen Vivaldi für Tasteninstrumente umzuarbeiten und als seine eigenen herauszugeben.
Die Einstellung, jeder dürfe kopieren, änderte sich radikal mit der Erfindung des Buchdrucks. Jetzt konnten die Verleger viel Geld machen, vorausgesetzt, ein anderer stahl ihnen nicht den Erfolg. So entstanden "Copyright"-Gesetze, erst in England, dann auf dem Kontinent, zuletzt in den USA und dem Rest der Welt.
Doch die Nationen sie hielten sich nicht daran. Eine Zeitlang raubkopierten die Deutschen englische Bücher - und schufen damit die Grundlage für eine Lese- und Bildungskultur, die immer noch anhält und Deutschlands technische Überlegenheit begründet. Für die Engländer waren Bücher wertvoller Besitz, für die Deutschen Lesestoff und Arbeitsgrundlage für technisch-wissenschaftlichen Unterricht. Die Amerikaner behandelten Copyright-Gesetze zunächst ausgesprochen lasch. Erst als sie selber originelle Ideen entwickelten, sorgten sie weltweit für eine strikte Einhaltung geistiger Eigentumsrechte. Heute tun die Chinesen das, was Deutschen und Amerikaner in der Vergangenheit so viel Erfolg brachte: Sie kopieren hemmungslos unser Wissen und leben gut damit. Kurzum: Raubkopien bringen den Kopierern wirtschaftliche Vorteile und den Kopierten ebensolche Nachteile, vor allem dann, wenn sie noch nicht so weit entwickelt sind.
Die erste große Krise der Raubkopien (eigentlich: Schwarzkopien, denn "Raub" ist die gewaltsame Entwendung von Eigentum) kam mit der Erfindung der Audio-Kassette. Nun konnte jeder Privatnutzer jedes Musikstück von Schallplatte oder Radio für sich kopieren und die Kopien an andere weiter geben. So geschah es auch; die Musikindustrie hat das Ganze anscheinend schadlos überlebt. Heute gilt das Gleiche für mp3-Stücke. Auch hier hat die Industrie (vor allem die Firma Apple) reagiert und legale Tauschbörsen eingerichtet. Wenn es ohne Probleme möglich ist, kauft man sich gern ein Musikstück für 89 Cent.
Allerdings sind die Rechte am geistigen Eigentum auch im Internet global geregelt. Es heißt schlicht: Vor einer eigenen Verwendung muss der Rechte-Inhaber gefragt werden. Und wer ist das? Vor nicht allzu langer Zeit suchten Schüler für ihre Internet-Zeitung freie Bilder, die sie auf einer Webseite auch fanden und erhielten. Kurz danach kam die Abmahnung: Horrende Geldforderungen und die Aufforderung, die Bilder sofort aus dem Netz zu nehmen - zu Recht. Die Schüler hätten also, wohl unter Einschaltung von Rechtsanwälten in aller Welt, erst mal nachforschen müssen, wem die Bilder gehören. Und was, wenn die Aussagen widersprüchlich gewesen wären?
All das ist ein Unding. Das Internet ist schnell (und schnell vergessen). Ich kann nicht, um ein Bild verwenden zu dürfen, erst eine Armada von deutschen, amerikanischen und chinesischen Anwälten engagieren um herauszufinden, ob ich das Bild auf meiner Webseite verwenden darf - wo es ohnedies kaum jemand sieht. Nur ein Beispiel: Die Illustration zu diesem Beitrag stammt aus dem Film "Der Pirat" und zeigt Gene Kelly und Judy Garland. Ich habe den Film analog aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufgenommen, mit einem legal erworbenen Videoprogramm digitalisiert und mit ebenselbigem Programm dieses Bild herausgeschnitten. Darf ich es veröffentlichen? Oder haben die Rechtserben von Kelly und Garland ein Recht darauf? In einem solchen rechtsfreien Raum gedeihen Winkeladvokaten, sonst nichts.
Ähnlich die Lage mit Musikwerken. Die Rechteverwalterin GEMA ist der Lieblingsfeind aller Diskotheken. Kommen die abkassierten Gelder auch wirklich den Komponisten zugute? Was darf ich sicher spielen - Komponisten, die schon seit über 70 Jahren tot sind, oder wurde das Recht von irgendwelchen Erben verlängert? Muss ich auch die Interpreten bezahlen? Und wie berechnet die GEMA eigentlich die Gebühren bzw. die Ausschüttungen?
Haben dann die Piraten (die politischen, nicht die filmischen) das Recht auf freien Zugang zu allem, was irgendjemand ins Internet stellte? Es ist wohl eher Gewohnheit: Alles, was sich im Internet vorfindet, ist frei, ob belanglose Fotos, aufwändige Hollywoodfilme, Aufrufe zur Lynchjustiz oder Kinderpornographie. Der Aufwand für Filme und gute Musikproduktionen indes ist gewaltig; von Spenden kann hier niemand leben. Sollte sich die Idee des freien Zugangs zu allem durchsetzen, wird die künstlerische Produktion der Zukunft möglicherweise darin bestehen, selbstgedrehte Videos auf Youtube hochzuladen und als "gefällt mir" anzuklicken. Schon heute sind Videos von gekraulten Kätzchen und sabbernden Babys die beliebtesten Kunstwerke im Internet. Kurzum: Die Sache ist keineswegs so einfach, wie sie von den gegensätzlichen Parteien dargestellt wird. Eine einwandfreie und einfache juristische Regelung wäre dringend erforderlich. Und das geht nur, wenn die Leute miteinander reden.
 

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 -Peter Ripota-

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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