Notizen 018

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Zu Guttenbergs Vorgänger

 

Nachdem einer unserer beliebtesten Politiker des wiederholten Plagiats überführt worden ist, stellt sich naturgemäß die Frage, ob es noch mehr Vorfälle dieser Art gegeben hat. Datenforscher sind eifrig dabei, die Machenschaften anderer Doktoranden aufzudecken. Wir wollten uns diesem Trend nicht verschließen und sind auf eine heiße Spur gestoßen: Wir fanden einen Mann, der drei wichtige Ideen von Kollegen stahl, als seine eigenen ausgab und dann, als die Sache aufzufliegen drohte, die anderen beschuldigte, von ihm gestohlen zu haben. Sein Name: Albert Einstein.
Was, wie, wo ? Einstein, das größte Genie des 20. Jahrhunderts, soll wiederholt von anderen Gelehrten geklaut und deren Ergebnisse als die seinigen ausgegeben haben? Das ist unmöglich, denkt jeder, denn das hatte er nicht nötig. Stimmt, er hatte es nicht nötig. Die Aldi-Brüder haben es auch nicht nötig, die Löhne ihrer Angestellten derart zu drücken und sie, wenn sie mehr bekommen müssen, raus zu mobben. Andrew Carnegie, einer der reichsten Männer Amerikas, gab nie Trinkgeld und war in jeder Hinsicht Vorbild für Dagobert Duck. Andere Milliardäre gehen abends durch die Büroräume und drehen eigenhändig das Licht ab, um Strom zu sparen. Davon gibt es noch viele Beispiele. Warum tun die das, wo sie es doch wirklich nicht nötig hätten?
Sie tun es eben. So wie Albert Einstein. Von ihm erschien im Jahre 1905 eine höchst bemerkenswerte Schrift. Sie hieß "Zur Elektrodynamik bewegter Körper", und sie wird heute als Kult-Reliquie der modernen Physik verehrt. Das Bemerkenswerte an ihr: Es gibt dort keine einzige Literaturangabe, ein für wissenschaftliche Arbeiten höchst ungewöhnlicher Tatbestand. Und das verwundert nicht: Einstein hatte die meisten Ideen und Bezeichnungen von dem bedeutenden französischen Mathematiker und Physiker Henri Poincaré übernommen. 1904 kam Poincarés wichtiges Werk es auf deutsch unter dem Titel "Wissenschaft und Hypothese" heraus, in dem all das stand, was man auch bei Einstein ein Jahr später findet. Allerdings kann man hier nicht von "Plagiat" sprechen. Vielmehr lagen die Gedanken, Probleme und Lösungsansätze in der Luft. Einstein hat sie aufgegriffen, neu interpretiert, systematisiert und unter dem Begriff "(Spezielle) Relativitätstheorie" unsterblich gemacht.
Schwerwiegender wirkt schon Einsteins Aneignung eines einzigen mathematischen Ausdrucks bei der Aufstellung der Formeln für die "Allgemeine Relativitätstheorie". Zwischen 1905 und 1915 rang Einstein mit der Formel, welche die Raumkrümmung mit der Schwerkraft in Verbindung bringen sollte. Ihm fehlte ein Glied, und das fand der bedeutende deutsche Mathematiker David Hilbert nach Besuch eines Vortrags von Einstein. Einstein erfuhr davon und bat um eine Kopie des (noch nicht veröffentlichten) Manuskripts, die er von Hilbert auch sofort erhielt. Und dieses Manuskript war für Einstein ein einziges Ärgernis. Das mathematische Glied, das Einstein so lange gesucht hatte (für Fachleute: die Spur des Ricci-Tensors), tauchte bei Hilbert auf - die Formeln stimmten, und ihre Ableitung strotzte auch noch von mathematischer Eleganz.
Einstein reagierte auf seine übliche Art: Er übernahm sofort das fehlende Glied und beschuldigte Hilbert (nicht direkt, nur in einem Brief an einen Freund), von ihm, Einstein, abgeschrieben zu haben. Dass er das Glied übernommen hat, weiß man von seinem früher eingereichten Manuskript, wo es fehlt - in der endgültigen Version taucht es dann ohne mathematische oder physikalische Begründung auf, nachdem Einstein Hilberts Abhandlung gelesen hatte. Irgendwie haben sich die Herren dann geeinigt. Hilbert brauchte keinen Streit mit zweitrangigen Amatör-Mathematikern. Einstein konnte sich keinen öffentlichen Disput mit einem erstrangigen Mathematiker leisten.
Der dritte Vorfall dieser Art offenbart das Wesen des Einsteinschen Wissenschaftsdenkens. Jetzt war es wieder ein Mathematiker, dessen Ideen Einstein übernahm, wieder ein Franzose. Eli Cartan hatte die Idee gehabt, den Raum nicht nur zu krümmen, sondern die Krümmungsfäden auch noch zu verdrillen, woraus sich zusätzlich zur Schwerkraft auch noch die Trägheit rein mathematisch ergeben sollte. Er nannte das "Fernparallelismus". Einstein, seit 1920 bis zu seinem Tod 1955 auf der Suche nach der Weltformel, griff die Ideen begierig auf und bastelte sich daraus eine Theorie - unter eigenem Namen. Cartan wies ihn auf einer Konferenz auf seine Ideen-Priorität hin, doch Einstein konnte sich an nichts erinnern. Cartan zeigte ihm einen Brief, den ihm Einstein geschrieben hatte, worin er sich für die Ideen des Herrn Cartan bedankte. Einstein konnte nun nicht mehr leugnen und versprach dem jungen Mathematiker, ihm in seinem nächsten Sammelband die Ehre der Priorität zu erweisen.
Und Einstein rächte sich für Cartans Unverschämtheit, ihm die Wahrheit gesagt zu haben: Im nächsten Sammelband war kein einziger Beitrag von Cartan. Die Urheberschaft für die Theorie des Fernparallelismus wurde von Einstein jemand anderem zugeschrieben, und der aufmüpfige französische Mathematiker wurde auch nie wieder erwähnt. Heute kennt ihn keiner.
"Quod licet Jovi, non licet bovi" sagten die alten Römer, auf Deutsch: Was dem Esel verboten ist, darf ein Gott sehr wohl. Einstein hielt sich wohl selbst für einen Gott. Nur dass er 1905 alles andere als bekannt oder gar göttlich verehrt war. Trotzdem: Sein Selbstbewusstsein muss man bewundern. Und Internet gab es damals noch nicht.

Illu: JuanOsborne

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 -Peter Ripota-

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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