Notizen 015

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Der Untergang Saudi-Arabiens

Eigentlich wollte ich mich aus der Tagespolitik heraushalten, aber wegen der gegenwärtigen Ereignisse in den arabischen Ländern ziehe ich eine Notiz vor, die jetzt besonders aktuell ist.
In den 1940er Jahren entwarf der russisch-amerikanische Sciencefiction-Autor Isaac Asimov eine mathematische Wissenschaft zur Voraussage der Geschichte des galaktischen Imperiums, die er Psychohistorik nannte. In zahlreichen Kurzgeschichten und Romanen, zusammengefasst als "Foundation-Saga", entwarf er einen spannenden Kosmos des Machtkampfs zwischen Politik und Mathematik. Seine Erzählungen faszinieren auch heute noch; besonders die Geschichte vom "Galaktischen General" illustriert wunderbar seine Ideen.
In den 1990er Jahren machte sich der russisch-amerikanische Ökologe Peter Turchin daran, Asimovs Ideen in die Praxis umzusetzen, Er schuf eine Wissenschaft namens Cliodynamik und orientierte sich in seinen ersten Versuchen, die Zukunft von Staaten vorauszuberechnen, an einem arabischen Gelehrten namens Abd-ar-Rahman Abu Zaid ibn Muhammad ibn Muhammad ibn Khaldun (1332- 1406). (Sie brauchen sich die Namen ebenso wenig zu merken wie die Vornamen unseres Ex-Verteidigungsministers.) 2003 veröffentlichte Turchin eine Studie, die sich ausschließlich dem Wüstenstaat Saudi-Arabien widmete, und wo er feststellte, dass der Staat zwischen 2011 und 2014 zusammenbrechen würde - ganz ohne Revolution oder Beeinflussung von außen! Ausgerechnet das Land, das in der jetzigen Zeit des Umbruchs als Hort der Stabilität betrachtet wird - warum sollte dieser reiche und politisch stabile Staat zum Untergang verurteilt sein? Wie kommt Turchin zu solchen Ansichten?


Die Formel des Wissenschaftlers ist relativ einfach, die Ermittlung der wichtigen Werte ("Parameter") dagegen nicht. Die Grundthese: Die Bevölkerung spaltet sich in zwei Gruppen, das gemeine Volk und die Elite. Letztere besteht aus der Königsfamilie samt Anhang, schätzungsweise 10.000 bis 20.000 Personen. Die Elite ist einen bestimmten Lebensstandard gewohnt, das Volk aber auch. Sinkt der Standard, beispielsweise durch zu geringe Einnahmen, dann gibt es Ärger. In Saudi-Arabien führte die Kürzung von Subventionen (z.B. für den Brotpreis) zu Aufständen, während die Gehälter der Elite ohnedies tabu sind. Denn ihre Angehörigen haben Macht, sie zu verärgern wäre gefährlich.
Saudi-Arabien ist ein einfach zu berechnendes Land. Die Einnahmen stützen sich fast ausschließlich auf Öl. Es gibt keinen Privatsektor, finanzielle Einbußen können also nicht durch wirtschaftliche oder technische Innovationen aufgefangen werden. Bevölkerungsentwicklung und Erwartungshaltung sind relativ leicht zu berechnen und zu extrapolieren. Die Bevölkerung steigt rasant, die Wirtschaft nicht. Also kommt irgendwann der Punkt, wo die Bedürfnisse der Bevölkerung - und insbesondere der Elite - nicht mehr befriedigt werden können. Und das ist eben, nach Turchins Formel, demnächst der Fall.
Natürlich gibt es dabei viele Unsicherheiten. Turchin berücksichtigt (nach eigenen Angaben) nicht:
- einen Einfluss von außen. Sollte es den geben (und die Wahrscheinlichkeit dafür steigt im Moment), dann könnte dieser den Staatsbankrott beschleunigen.
- Bevölkerungspolitische Maßnahmen wie in China. Die sind auf Grund des Islam nicht möglich. Und selbst wenn, würden sie sich erst in dreißig Jahren bemerkbar machen.
- einen geordneten Übergang zur Demokratie. Da ist Turchin pessimistisch, und seine Worte nehmen die Situation der bisherigen Entwicklung voraus: Die Elite bleibt im Amt, solange es geht, rafft zusammen, was möglich ist, und setzt sich dann ungeschoren in irgendein warmes Land ab. Mit 1 ½ Tonnen Gold, 70 Milliarden Dollar oder was auch immer da ist, lässt sich's gut leben.
Zum Schluss seiner Prognose wünscht Turchin den Bewohnern Saudi-Arabiens, dass sie ihren Wohlstand behalten können und einen geordneten Übergang zur Demokratie schaffen. Diesen Wünschen können wir uns nur anschließen - und ausnahmsweise hoffen, dass die Mathematik sich irrt.
 Peter Ripota
 

Für die Furchtlosen hier Turchins Formel:
 
Wenn Sie meine früheren Notizen kennen lernen oder nochmals lesen wollen, Sie finden diese im Archiv

 

Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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