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Gibt es eine jüdische Mathematik?

Nachdem Thilo Sarrazin ein jüdisches Gen entdeckt hat und damit in guter Tradition der Forscher steht - die Biologen haben unter anderem ein Intelligenz-Gen, ein Alkoholiker-Gen und ein Schwulen-Gen entdeckt - wollen wir fragen, ob es auch eine typisch jüdische Mathematik gibt.
Dürfen wir so etwas überhaupt fragen, und wozu soll das gut sein? Sicher dürfen wir. Nur weil die Nazis den Ausdruck "Deutsche Physik" missbrauchten, heißt das nicht, dass wir uns davon beeinflussen lassen. Schließlich gibt es bei allen Völkern, Nationen und Gesellschaften kulturelle Traditionen. Man schaue sich nur die Philosophen der Deutschen an, die sich radikal von denen der Angelsachsen unterscheiden. So könnte also auch eine kulturelle Tradition den Stil, Mathematik zu betreiben, in irgendeiner Weise beeinflussen. Und die Frage nach dieser Charakteristik zeigt uns wieder mal, wie diffizil historische Forschung sein kann.
Denn die Suche nach dem jüdischen Mathematik-Gen begann etwa 1910, angeregt durch die höchst abstrakte Mengenlehre, welche von dem deutschen Mathematiker Georg Cantor (1845-1918) aufgestellt worden war. Die drei Gelehrten Theodor Lessing, Ernst Cassirer und Felix Hausdorff fragten: Gibt es eine typisch jüdische Mathematik? Lessing war Pädagoge, Cassirer Kulturphilosoph und Hausdorff Mathematiker. Und alle drei waren sie Juden. Also könnte man annehmen, dass sie wussten, wovon sie redeten. Jedoch: Auch sie fielen auf verbreitete Klischees herein. So wurden Juden als heimatlos (also nicht in der Realität verwurzelt) und dem abstrakten Denken zugeneigt klassifiziert. Ihre Mathematik sei, negativ formuliert: formal und inhaltsleer; positiv formuliert: geistig frei und nicht an irgendwelche Realitäten gebunden. Da die Mengenlehre recht abstrakt und abgehoben ist und von dem Juden Cantor entwickelt worden war, folgert daraus, dass es eben eine typisch jüdische Mathematik gibt. So dient ein Mann zum Beweis einer seltsamen Hypothese.
Das Pikante daran: Cantor war gar kein Jude. Zwar setzt Eric Temple Bell ("Men of Mathematics") Cantors Judentum als ganz selbstverständlich voraus, während Ivor Grattan-Guiness ("Towards a biography of Georg Cantor") dies vehement ablehnt. Amir D. Aczel ("Die Natur des Unendlichen") bemüht sich sehr, die jüdische Abkunft Cantors nachzuweisen, während Herbert Mehrtens ("Jüdische Mathematik?" im Katalog "10 + 5 = Gott" des Jüdischen Museums Berlin) schlüssig nachweist, dass nichts darauf hinweist. Also was ist jetzt?
Cantors Familie stammt aus Dänemark und flüchtete bei der Belagerung ihres Heimatlands durch die Engländer nach St. Petersburg, wo Georg auch geboren wurde. Danach zog die Familie nach Deutschland. Georgs Vater war protestantisch, seine Mutter katholisch, seine Gattin jüdisch. Was nur darauf hindeutet, dass die Familie in religiöser Hinsicht recht liberal war. Schließlich war es damals ausgesprochen mutig, als Katholik eine Ehe mit einer Protestantin einzugehen (oder umgekehrt).
Der Name Cantor heißt auf Deutsch: Sänger. Gesungen wird in allen Kirchen, katholisch, protestantisch oder jüdisch. Und dass sich Cantor in der Kabbala auskannte, sagt ebenfalls nichts. Auch Popstar Madonna ist Kabbala-Expertin, und diese Dame ist streng katholisch. Doch was ist mit dem Brief, den Georgs Bruder 1869 mit Schreibmaschine an seine Eltern schrieb, wo er sich zu seiner jüdischen Vergangenheit bekannte? Auch da gibt eine Kleinigkeit zu denken: Schreibmaschinen mit Kleinbuchstaben existieren erst seit 1875!
Fazit: Mathematik ist Mathematik. Dass jedes Volk, jede Kultur, jede Nation ihre eigenen Traditionen besitzt, bleibt unbestritten. Auch die jüdische, wie mein Kollege P.J. Blumenthal soeben in seinem (noch nicht fertigen) Roman beschreibt. Denn die jüdische Kultur definiert sich nicht nur nach dem Holocaust, sondern nach ihrer reichen Vergangenheit.
 -Peter Ripota-

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Illustration: reguläres 48-Eck

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