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Ungeliebte Talente

In meinem früheren Leben, als ich noch den Charakter meiner Mitmenschen aus deren Handlinien oder aus den Sternen zu ergründen suchte, merkte ich bald, dass die Menschen gar nicht wissen wollten, was sie können. Sie wollten lieber erfahren, dass sie alles nicht können (was nicht das Gegenteil ist von "nicht alles können") und sich deswegen auch nicht anstrengen brauchen. Sie wollten erfahren: Die Handlinien, die Sterne oder wer auch immer, sie sagen: Es geht nicht. Also brauche ich auch nichts zu tun.
Besonders die Vorhersage von zwei Talenten führte immer zu heftigen Protesten. Wenn ich einer Frau sagte, sie wäre mathematisch begabt, leugnete sie diese Begabung vehement: Ich? Niemals! Ich war schon immer schwach im Rechnen! Der Hinweis, Mathematik habe im Allgemeinen nichts mit Rechnen zu tun, fruchtete nichts. Ähnliches geschah, wenn ich einem Mann sagte, er wäre tänzerisch begabt. Sofort kam der wütende Protest: Ich? Niemals! Ich hatte schon immer zwei linke Füße! Der dezente Hinweis seiner Gattin, dass er sich nach dem Hochzeits-Walzer-Kurs ganz vorzüglich angestellt hätte, trotz Unerfahrenheit auf diesem Gebiet, führte zu weiteren Protesten und ehelichen Zerwürfnissen. Dazu passt der Ausspruch eines Fußball-Kommentators namens Günter Netzer (inzwischen pensioniert), der mit gewissem Stolz von sich behauptet:
"Wenn Damenwahl ist, suche ich meist die Toilette auf. Wenn ich in Situationen gerate, wo ich tanzen muss, bricht kalter Schweiß aus."
Also wohlgemerkt, diese Personen sagten nicht etwa: Seltsam, die Begabung habe ich noch nicht bemerkt. Sondern sie waren beleidigt, empört, wütend, dass ihnen so ein Talent unterstellt werde! Ja, in gewissem Sinn waren sie stolz auf ihre diesbezügliche angebliche Unbegabtheit. Was war hier los?
Später erfuhr ich, dass Mädchen in der Schule wegen ihrer mathematischen Begabung gemobbt und Jungen wegen ihrer tänzerischen Begabung gehänselt und als Schwulis abgetan werden. Offenbar herrscht in unserer Kultur - zumindest in Deutschland - die Gleichsetzung: Mathematik = verstandesmäßig, also ohne Gefühle, und eine Frau, die sich auch nur für so etwas interessiert, muss gefühlskalt sein. Dann ist sie keine richtige Frau. Sogar der Sozialwissenschaftler Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn, stellt in einem Interview der Münchner Abendzeitung vom 25.8.2010 leicht verwundert fest: "Wir haben in Bezug auf Mathematik eine merkwürdige Kultur in Deutschland, die ganz anders ist als in anderen Ländern. Bei uns gilt es als chic, wenn jemand sagt: 'Ich bin eine Niete in Mathe'." Mit Folgen für die Volkswirtschaft.

Und: Tanz = gefühlsmäßig, also unmännlich, und ein Mann, der sich für so was interessiert, muss naturgemäß schwul sein. Dann ist er kein richtiger Mann. Die Kultur sorgt dafür, dass diese Mythen bewahrt bleiben. Die Eltern geben sie an ihre Kinder weiter; wenn nicht, sorgt die Gruppe dafür, dass sich die Mitschüler mythenkonform verhalten.
Da lobe ich mir meine Bekannte Susanne M., die alleine zwei Knaben groß zog, welche den Tanz schätzen und praktizieren. Ich muss sie demnächst für den bundesdeutschen Hosenbandorden vorschlagen (oder heißt das Gürtelschnallenkreuz erster Klasse?). Nun ja, die Knaben tanzen nicht jeden Tanz, sondern den Tanz aller Tänze: den argentinischen Tango. Auf einer diesbezüglichen Tanzveranstaltung sieht man auch Frauen mit Frauen und Männer mit Männern tanzen, ohne dass jemand Anstoß nimmt oder gar meint, die sexuelle Orientierung der beiden weiche von der geheiligten Norm ab. Und wenn doch, was soll's.
Für solche Typen wie den pensionierten Fußballschieber wäre der Tanz der "portenos" (= Bewohner von Buenos Aires) vermutlich ein einziger Graus. Denn da kommen sich Mann und Frau sehr nahe - die Grundhaltung heißt nicht umsonst "abrazo" = Umarmung. So was widerspricht den Normen männlicher Entfaltung. Da muss man sich hingeben, weich und sensibel sein, das Leben, den Tanz und die Partnerin genießen können. Nichts für echte Männer.
Jetzt aber muss ich Schluss machen, der Tango fängt gleich an!
 -Peter Ripota-

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.

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